Warum kindliche Lügengeschichten keine Lügen sind
Kinder erzählen Geschichten – nicht nur nach, was sie gehört haben, sondern erschaffen eigene Welten. Im pädagogischen Alltag begegnen Fachkräfte immer wieder Erzählungen, die scheinbar erfunden oder sogar gelogen sind. Doch was steckt wirklich hinter diesen Geschichten? Und warum ist es wichtig, sie ernst zu nehmen?
Die Kraft der Fantasie – die Bedeutung der kindlichen Geschichten-Wahrheit
Kinder lieben Geschichten. Nicht nur die, die man ihnen erzählt, sondern auch jene, die sie selbst erfinden: im Spiel, im Gespräch oder in stillen Gedanken.
Doch manchmal verschwimmt dabei die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit, besonders im Vorschulalter. In dieser Zeit befinden sie sich in der sogenannten magischen Phase der Persönlichkeitsentwicklung. Und was für Erwachsene dann wie eine „Lüge“ wirkt, ist für Kinder oft eine gelebte Vorstellung, eine Form der inneren Realität.
Fantasie als Entwicklungsraum
- Fantasie ist ein zentrales Werkzeug kindlicher Entwicklung. Sie ermöglicht es Kindern,
- die Vielfalt der auf sie einstürmenden Erlebnisse zu verarbeiten,
- sich kindlich logisch auszudrücken,
- ihnen bedeutsame Wünsche zu gestalten
- oder Probleme innerlich zu lösen.
Besonders in den ersten sieben Lebensjahren ist Fantasie ein natürlicher Denk- und Ausdrucksraum, in dem die Grenzen zwischen „wirklich“ und „möglich“ noch durchlässig sind.
Warum denken sich Kinder ‚Lügen‘ aus?
Wenn ein Kind erzählt: „Ich war gestern im Garten und hab mit einem Tiger gekämpft“, ist das kein absichtliches Täuschen.
Es ist ein Ausdruck innerer kindlicher Wirklichkeit – manchmal auch ein Hinweis auf ein emotionales Thema wie Trennung, Trauer oder Wachstum, manchmal das Verarbeiten eines Filmes.
Kinder erschaffen mit solchen Erzählungen keine Unwahrheit gegen die Realität – sie gestalten ihre eigene Wahrheit, die in dem Moment für sie stimmig und notwendig ist.
Fantasiegeschichten vs. Lügengeschichten
Pädagogische Fachkräfte fragen sich oft: Ab wann ist eine erfundene Geschichte eine echte Lüge?
Vor dem Schuleintritt ist die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität für viele Kinder noch nicht klar. Scheinbare Lügen entstehen häufig aus Schutzbedürfnis, Wunschdenken oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit.
Ob Tiger im Garten oder Urlaube mit Zebras – oft steckt dahinter der Wunsch nach Verbindung, Spannung oder Anerkennung.
Wie Fachkräfte reagieren können
Statt mit „Das stimmt nicht!“ zu reagieren, lohnt sich: „Erzähl mir mehr davon.“
So entsteht Raum für Vertrauen, Verständnis und oft auch Klärung.
Fantasiegeschichten verdienen aufmerksames Zuhören, feinfühlige Resonanz und keine vorschnelle Bewertung.
Fantasie als Schutzmechanismus
Fantasie hilft Kindern emotional zu überleben – sie kann ein inneres Schutzschild sein gegen Einsamkeit, Unsicherheit oder Konflikte.
Psychologisch spricht man vom narrativen Bewältigen: Kinder erzählen, um zu verstehen und innerlich zu wachsen.
Für Fachkräfte heißt das: Geschichten sind Ausdruck seelischer Arbeit – sie brauchen Raum, Resonanz und manchmal auch Deutungshilfe.
Fazit
Die Grenze zwischen Fantasie, Erfindung und Unwahrheit ist für Kinder nicht immer klar – wohl aber entwicklungspsychologisch erklärbar.
Wer hinhört statt urteilt, kann Kindern helfen, sich selbst und ihre Welt besser zu verstehen.
Denn manchmal ist genau das die tiefste Wahrheit: Unsere Geschichten erzählen mehr über uns als jede bloße Tatsache.
Literaturtipps
- Küppers, Almut: Narratives Lernen und Erzählen in Kindheit und Jugend. Wiesbaden: Springer VS 2015.
- Lutz, Helga: Geschichten, die helfen. Therapeutisches Erzählen mit Kindern. Don Bosco Verlag 2011.
- Günster-Schöning, Ursula; Schlösser Elke: Geschichten erzählen mit Kindern, Klett Kita – erscheint 2026