Jedes Kind hat ein Recht darauf, als kompetente Persönlichkeit wahrgenommen zu werden

Kinderrechte, Partizipation und eine stärkenorientierte Beobachtung in der Kita

Was können unsere Kinder eigentlich gut?
Und warum nehmen pädagogische Fachkräfte so unterschiedlich wahr, worin die Stärken eines Kindes liegen?

Diese Fragen berühren den Kern pädagogischer Professionalität. Sie machen deutlich, wie sehr Haltung, Perspektive und biografische Prägung die tägliche Beobachtung und Dokumentation beeinflussen. Eine stärkenorientierte Haltung verändert nicht nur den Blick auf das einzelne Kind, sondern auch auf Bildung, Qualität und Verantwortung in Kindertageseinrichtungen.

Zwischen Skepsis und Perspektivwechsel

Die Auseinandersetzung mit stärkenorientierter Beobachtung ruft häufig auch kritische Fragen hervor:

  • Können wir wirklich wissen, was Kinder denken oder fühlen?
  • Wer entscheidet, was eine Stärke oder ein Talent ist?
  • Dürfen wir Stärken benennen oder bewerten?
  • Oder geht es vielmehr darum, Kinder in ihrer Individualität zu verstehen und zu begleiten?

Diese Fragen sind berechtigt. Gleichzeitig eröffnen sie einen notwendigen Perspektivwechsel: weg vom bewertenden Blick, hin zu einer achtsamen, forschenden und dialogischen Beobachtung, die Bildungsprozesse ermöglicht und Kinder als aktive Gestalter:innen ihrer Entwicklung ernst nimmt.

Kinderrechte ernst nehmen heißt umdenken

Kinderrechte fordern ein grundlegendes Umdenken in der Frühpädagogik. Kinder sind keine Objekte pädagogischer Maßnahmen, an denen gearbeitet wird. Sie sind gleichwertige Menschen mit eigenen Rechten, deren Sichtweisen, Interessen und Kompetenzen zählen.

In den vergangenen Jahren haben sich viele Kitas intensiv mit Partizipation auseinandergesetzt und Mitentscheidungsrechte der Kinder geklärt. Auch rechtlich ist die Beteiligung von Kindern heute klar verankert: Kinder müssen an Entscheidungen beteiligt werden, die ihr Leben oder das der Gemeinschaft betreffen. Partizipation ist damit kein Zusatzangebot, sondern Ausdruck professioneller pädagogischer Haltung.

Kinder zu beteiligen bedeutet:

  • ihre Perspektiven ernst zu nehmen,
  • Verantwortung zu teilen,
  • Bildung als ko-konstruktiven Prozess zu verstehen.

Bildung ohne aktive Beteiligung der Kinder ist nicht möglich.

Beobachtung, Qualität und die vergessene Perspektive der Kinder

Trotz dieser Entwicklungen steht in vielen Kitas nach wie vor überwiegend die Sicht der Erwachsenen im Mittelpunkt – besonders bei Beobachtung, Dokumentation und Qualitätsentwicklung. Zwar analysieren etablierte Verfahren pädagogische Interaktionen, doch die systematische Beteiligung der Kinder an der Qualitätsbeurteilung fehlt häufig.

Wenn Kinderrechte im Alltag wirklich gelebt werden sollen, braucht es daher eine kontinuierliche Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität, die die Perspektive der Kinder einschließt – und eine konsequent stärken- und ressourcenorientierte Beobachtung.

Stärken sehen statt Defizite verwalten

Lange Zeit war es üblich, Kinder anhand von Tabellen, Rasterverfahren oder Vergleichsskalen einzuschätzen. Diese defizitorientierten Verfahren sind mit einer modernen, kindzentrierten Pädagogik nicht mehr vereinbar. Sie widersprechen dem Verständnis vom Kind als kompetenter Persönlichkeit mit eigenen Rechten.

Stattdessen braucht es Beobachtungsformen, die:

  • individuelle Kompetenzen sichtbar machen,
  • Lernprozesse dokumentieren,
  • Entwicklung begleiten statt bewerten.

Denn jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Kompetenzen gesehen und dokumentiert werden.

Jedes Kind hat Talente, daher sollten wir jedem Kind sein Kompetenzprofil zugestehen

Forschung aus Neuro- und Entwicklungspsychologie zeigt: Persönlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel von genetischen Anlagen und Umweltbedingungen. Nicht jedes Kind ist hochbegabt im klassischen Sinne – aber jedes Kind verfügt über individuelle Stärken, Interessen und Talente, die entdeckt und gefördert werden wollen.

Die Aufgabe pädagogischer Fachkräfte besteht darin, diese positiven Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster zu erkennen, zu benennen und weiterzuentwickeln. Daraus kann für jedes Kind ein individuelles Kompetenzprofil entstehen – als Grundlage für gezielte Bildungsbegleitung.

Die Haltung entscheidet: Von der Defizitlogik zur Talententdeckung

Viele pädagogische Fachkräfte sind selbst defizitorientiert sozialisiert worden. Dieses Denken ist oft tief verankert und Teil eines überholten beruflichen Selbstverständnisses, das Erziehung als „Arbeit am Kind“ begreift.

Eine zeitgemäße Pädagogik erfordert jedoch neue Rollen:

  • Talententdecker:in
  • Lernbegleiter:in
  • wachsame Entwicklungsforscher:in

Diese Haltung ermöglicht es, Kinder individuell zu unterstützen und ihre Potenziale sichtbar zu machen. Dafür braucht es auch Zeit für Austausch im Team – über Begriffe wie Stärken, Talente und Begabungen und über die eigene pädagogische Praxis.

Das eigene Zeitmanagement neu denken

Viele Fachkräfte erleben Zeitmangel als größte Herausforderung, oft trotz hoher Motivation und guter Organisation. Doch nicht die Zeit selbst ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr. Teams sollten daher gemeinsam klären:

  • Wofür nehmen wir uns bewusst Zeit?
  • Was lassen wir ggf. weg, um die Talente der Kinder stärkenorientiert zu beobachten und zu dokumentieren?
  • Wie priorisieren wir Kinderrechte, Partizipation und Beobachtung im Alltag?

Die Entscheidung, für jedes Kind ein Kompetenzprofil anzulegen, ist eine bewusste Qualitätsentscheidung – zugunsten der Kinder und der pädagogischen Professionalität.

Fazit

Jedes Kind hat meiner Meinung nach ein Recht darauf, als kompetente Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.
Eine stärkenorientierte Beobachtung, die konkrete Partizipation der Kinder und das Ernstnehmen der Kinderrechte gehören daher untrennbar zusammen. Sie bilden sozusagen die Grundlage für gelingende Bildungsprozesse, individuelle Entwicklung und eine respektvolle, demokratische Pädagogik.

Verwendete Literatur:

  • Amerein, B./Kasten, H./Holger, K./Rodel, B./Tungler, A./Willich, M. (2014): Entwicklungspsychologie.
  • Günster-Schöning; Tonn M. (2017): BUDS Kita – Das Beobachtungs- und Dokumentationssystem für die Kita

 

  • Hansen, Rüdiger; Knauer, Raingard; Sturzenhecker, Benedikt (2011): Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern!

 

  • Knauer, Raingard; Hansen, Rüdiger (2008): Erfolgreich starten. Leitlinien zum Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig
  • -Holstein (Hrsg.), Kiel.

 

  • Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen; Staatsinstitut für Frühpädagogik München (Hrsg.) (2005): Der Bayerische Bildungs-und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung, Weinheim und Basel.

Ursula Günster Schöning ist Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin, Senior-Coachin QRC und pädagogische Koordinatorin. Als Sozialfachwirtin, Erzieherin und Führungskraft war sie in der Elementarpädagogik tätig. 2006 gründete sie das Fortbildungsinstitut ERFOR und begleitet seitdem Teams bei Veränderungsprozessen. Zudem arbeitet sie als Weiterbildnerin, Speakerin, Moderatorin und Autorin.

Webseite: www.ursula-schoening.de | Mail: info@ursula-schoening.de

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