Ist Macht weiblich? Ein Perspektivwechsel aus pädagogischer Sicht
Ist Macht weiblich?
Eine spannende Frage – und eine, die zunächst irritiert. Denn spontan verbinden viele Menschen Macht mit männlich konnotierten Bildern: Gewalt, Krieg, Unterdrückung oder mit Machtpositionen wie Konzernchefs, Staatsmännern oder Diktatoren. „Mächtig sein heißt männlich sein“, zumindest folgt man dieser Lesart gängiger öffentlicher Diskurse.
Doch was bedeutet Macht eigentlich? Und wer übt sie im Alltag aus?
Wie wird Macht definiert – und von wem?
In den Rankings des Wirtschaftsmagazins Forbes wird Macht nicht über eine einzelne Definition bestimmt, sondern über mehrere Einflussfaktoren. Sinngemäß gilt als mächtig, wer
- Macht, also Einfluss auf viele Menschen ausübt,
- über relevante Ressourcen verfügt,
- in unterschiedlichen Bereichen Einfluss ausübt,
- und diesen Einfluss aktiv nutzt.
Diese Definition scheint auf den ersten Blick weit entfernt vom pädagogischen Alltag. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich eine irritierende Frage:
Treffen diese Kriterien nicht auch auf pädagogische Fachkräfte zu?
Macht im pädagogischen Alltag – oft unsichtbar, aber wirksam
Eine Kita-Leitung oder pädagogische Fachkraft hat täglich Einfluss auf viele Menschen: Kinder, Eltern, Kolleg:innen. Auch über Ressourcen wird Macht ausgeübt und Einfluss genommen – etwa durch Entscheidungen darüber,
- was im Alltag passiert oder nicht,
- was erlaubt oder verboten ist,
- wie Ressourcen verteilt werden,
- wie viel Zeit und Aufmerksamkeit einzelnen Kindern geschenkt wird.
Macht zeigt sich hier nicht spektakulär, sondern alltäglich, leise und oft unbewusst.
Die fünf Formen von Macht im Umgang mit Kindern
Die PädagogInnen Reingard Knauer und Rüdiger Hansen beschreiben fünf Machtformen, die pädagogische Fachkräfte, also Erwachsene gegenüber Kindern ausüben:
- Körperliche Macht
- Verfügungsmacht
- Gestaltungsmacht
- Definitionsmacht
- Mobilisierungsmacht
Diese Kategorien machen sichtbar, wie viel Einfluss Erwachsene im pädagogischen Alltag tatsächlich haben – selbst dann, wenn sie sich subjektiv ohnmächtig fühlen.
Hinweis: Auf meinem YouTube-Bildungskanal habe ich diese fünf Machtformen in einem Video aufbereitet, das sich besonders gut für Teamreflexionen eignet.
Reflexion statt Rechtfertigung
Der bewusste Umgang mit Macht beginnt mit Selbstreflexion. Fragen, die Teams dabei unterstützen können, sind zum Beispiel:
- Was hat mich spontan berührt oder irritiert?
- Wo habe ich mich wiedererkannt?
- Wo erlebe ich Machtmissbrauch – bei mir selbst oder anderen?
- Wie gehe ich mit meiner Macht um, bewusst oder unbewusst?
Kaum eine pädagogische Fachkraft entscheidet sich für diesen Beruf, um Macht auszuüben. Vielmehr stehen Beziehung, Begleitung und Förderung im Vordergrund. Gleichzeitig erleben sich viele Fachkräfte selbst als ohnmächtig – etwa gegenüber strukturellen Rahmenbedingungen, Personalmangel oder fordernden Eltern.
Und dennoch gilt: Pädagogische Fachkräfte haben Macht. Immer.
Macht als soziologisches Grundphänomen
Der Soziologe Max Weber definiert Macht als
„jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.“
Auch Heinrich Popitz beschreibt Macht als
„Verändern-Können“ – unabhängig davon, ob dieses Können bewusst eingesetzt wird.
Übertragen auf die Kita bedeutet das:
Alle – Fachkräfte, Leitung, Zusatzkräfte – haben Macht. Sie zeigt sich im Miteinander, im Umgang mit Kindern, Eltern, Kolleg:innen und mit sich selbst.
Macht braucht Bewusstsein – und Verantwortung
Entscheidend ist nicht ob Macht ausgeübt wird, sondern wie.
Macht kann schützen, begleiten und Entwicklung ermöglichen – oder beschämen, begrenzen und verletzen.
Deshalb ist es so wichtig, sich aktiv mit der eigenen Macht auseinanderzusetzen, sie zu reflektieren und bewusst einzusetzen. Denn:
Macht und Verantwortung gehören untrennbar zusammen.
Oder anders gesagt: Wer Macht hat, trägt Verantwortung.
Impuls zum Abschluss
Vielleicht ist Macht tatsächlich weiblich.
Nicht im Sinne von Geschlecht – sondern im Sinne von Beziehung, Verantwortung und Gestaltung.