Philosophieren mit Kindern

Wie Geschichten zu großen Fragen führen

Ist Erzählen dasselbe wie Philosophieren?
Nicht ganz – aber Erzählen kann der Türöffner dafür sein.

Kinder stellen Fragen, die überraschen und berühren:
Warum ist der Himmel oben?
Kann Vermissen weh tun?
Gibt es unsichtbare Farben?

Sie denken dort weiter, wo Erwachsene oft längst aufgehört haben. Genau hier beginnt das Philosophieren mit Kindern.

Und Kinder fragen tiefgehend und lebensklug. Sie fragen oft genau dort weiter, worüber Erwachsene längst aufgehört haben, nachzudenken. Geschichten können diese kindlich-philosophischen Fragen wachrufen und damit den Raum schaffen, um gemeinsam über das Leben nachzudenken. Erzählen und Philosophieren gehören zusammen – und genau darin liegt ihre Kraft.

Geschichten als Raum für Denken

Geschichten regen nicht nur Fantasie und Sprache an, sondern auch Denken, Fühlen und Mitfühlen. Kinder begegnen darin anderen Lebenswelten, Konflikten und Entscheidungen. Sie identifizieren sich mit Figuren und beginnen innerlich zu fragen:

  • Was hätte ich getan?
  • War das gerecht?
  • Hätte es auch anders gehen können?

Dieser innere Dialog ist der Kern philosophischer Gespräche.

Was Philosophieren mit Kindern wirklich bedeutet

Philosophieren heißt nicht, Kindern Antworten oder große Theorien zu liefern.
Es bedeutet:

  • Fragen ernst nehmen
  • Staunen und Zweifeln zulassen
  • gemeinsam nachdenken
  • offen bleiben für unterschiedliche Sichtweisen

Philosophische Gespräche brauchen Zeit, Ruhe und Vertrauen. Kinder öffnen sich nur dort, wo sie sich sicher fühlen und wo ihre Gedanken wertgeschätzt werden.

Gerade jüngere Kinder oder Kinder in der Sprachentwicklung benötigen dabei unterstützende Begleitung. Erwachsene können Gedanken stellvertretend verbalisieren, ohne sie festzulegen.

Impulse, die Gespräche vertiefen

Hilfreich sind offene Impulsfragen, zum Beispiel:

  • Was wäre, wenn …?
  • Was hätte die Figur wohl gedacht?
  • Was wäre gerechter gewesen?
  • Kennst du etwas Ähnliches aus deinem Leben?

Auch Stille kann ein Impuls sein:
Nach einer Geschichte kurz innehalten und dann fragen:
Was ist euch gerade besonders im Kopf geblieben?

Weitere Zugänge:

  • Gedanken malen oder aufschreiben
  • Dilemma-Fragen bei offenen Enden
  • Gespräche über Träume, Wünsche und Zukunft
  • Bücher, die nur aus Fragen bestehen
  • Wimmelbilder als Ausgangspunkt für Deutungen
Mein Fazit: Haltung statt Methode

Philosophieren mit Kindern setzt vor allem eine Haltung voraus:
das Vertrauen, dass Kinder fähig sind, über sich und die Welt nachzudenken.

Meinungen dürfen verschieden sein. Es gibt kein richtig oder falsch. Entscheidend ist der respektvolle Dialog.

Wer erzählt und philosophiert, lädt Kinder ein, sich selbst und die Welt zu entdecken – mit offenen Fragen statt fertiger Antworten.

Verwendete Literatur
Günster-Schöning U & Schlösser E. (2025) Mit Kita-Kindern Geschichten erzählen, Inklusive Erzählpraxis und alltagsintegrierte Sprachbildung

Ursula Günster Schöning ist Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin, Senior-Coachin QRC und pädagogische Koordinatorin. Als Sozialfachwirtin, Erzieherin und Führungskraft war sie in der Elementarpädagogik tätig. 2006 gründete sie das Fortbildungsinstitut ERFOR und begleitet seitdem Teams bei Veränderungsprozessen. Zudem arbeitet sie als Weiterbildnerin, Speakerin, Moderatorin und Autorin.

Webseite: www.ursula-schoening.de | Mail: info@ursula-schoening.de

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