Selber tun macht schlau! Warum freies Spiel einer der wichtigsten Bildungsräume in der Kita ist

Was hat freies Spiel mit Sprache zu tun? Mit sozialer Kompetenz, Kreativität, mathematischem Denken oder sogar mit der Bereitschaft, Risiken einzugehen? Eine ganze Menge. Wenn wir frühkindliche Bildung so verstehen, dass Kinder ihre Welt entdecken, Zusammenhänge begreifen und Freude am Lernen entwickeln sollen, dann müssen wir ihnen vor allem eines ermöglichen: Zeit und Raum zum freien Spielen. Denn Spielen ist für Kinder nicht einfach nur Beschäftigung. Im Spiel setzen sie sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinander. Sie probieren aus, beobachten, verwerfen Ideen, beginnen noch einmal von vorne, kommunizieren miteinander und finden eigene Lösungen. Oder anders gesagt: Kinder spielen nicht, um zu lernen – aber sie lernen, weil sie spielen.

Freies Spiel heißt wirklich: frei spielen dürfen

Freies Spiel ist zunächst einmal genau das, was der Begriff sagt: Das Kind darf möglichst selbst entscheiden, womit, mit wem, wie lange und auf welche Weise es spielen möchte. Es gibt kein vorgegebenes Ergebnis und kein „Du musst jetzt …“. Das unterscheidet das Freispiel von einem pädagogischen Angebot, bei dem Erwachsene bereits ein bestimmtes Bildungsziel verfolgen. Im freien Spiel kann das Kind ganz bei sich sein und aus eigener Motivation heraus tätig werden. Es kann allein spielen oder Kontakt zu anderen Kindern aufnehmen. Es kann seine eigenen Ideen verfolgen und dabei erleben: Ich kann etwas bewirken. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist für die kindliche Entwicklung von enormer Bedeutung.

Lernen beginnt mit einer ganz einfachen Erfahrung: „Wenn ich das mache, dann passiert das“

Kinder sind kleine Forscherinnen und Forscher. Ein Kind baut einen Turm – und er fällt um. Es baut ihn noch einmal. Vielleicht nimmt es dieses Mal größere Steine für den Untergrund. Vielleicht verändert es die Reihenfolge. Vielleicht beobachtet es ein anderes Kind und übernimmt dessen Idee. Was geschieht dabei? Das Kind erlebt Kausalität: Wenn ich etwas verändere, verändert sich auch das Ergebnis. Genau darin liegen wichtige Grundlagen kognitiver Lernprozesse. Freies Spiel ist deshalb immer auch experimentelles Tun und Erfahrungslernen. Kinder sammeln dabei Erfahrungen aus erster Hand. Sie entwickeln Vermutungen, überprüfen diese und suchen nach neuen Lösungswegen.

Kreativität braucht keine Vorlage

Kreativität kann man sich ein wenig wie einen Muskel vorstellen: Sie entwickelt sich vor allem dann, wenn sie gebraucht wird. Wenn Erwachsene Kindern jeden Schritt vorgeben und bereits zeigen, wie das Ergebnis aussehen soll, müssen Kinder selbst nur noch wenig nachdenken. Im freien Spiel ist das anders. Hier entstehen Fragen wie:
  • Wie könnte ich das bauen?
  • Was kann ich nehmen, damit es hält?
  • Was mache ich, wenn meine erste Idee nicht funktioniert?
Genau diese Prozesse brauchen wir, wenn Kinder später selbstständig Probleme lösen sollen. Sie benötigen deshalb nicht für alles eine Vorlage. Sie brauchen Erfahrungen, Materialien, Zeit – und Erwachsene, die ihnen zutrauen, eigene Ideen zu entwickeln.

Und welche Rolle hat dann die pädagogische Fachkraft?

Freies Spiel bedeutet keineswegs, dass die pädagogische Fachkraft nichts zu tun hat! Ganz im Gegenteil. Eine der anspruchsvollsten Aufgaben besteht darin, wahrnehmend zu beobachten und immer wieder zu entscheiden: Wann braucht mich das Kind – und wann braucht es mich gerade nicht? Vielleicht benötigt ein Kind einen kleinen Impuls, um überhaupt ins Spiel zu finden. Vielleicht braucht es eine Spielpartnerin oder einen Spielpartner. Vielleicht kann die Fachkraft kurz mitbauen, mitspielen oder eine Idee einbringen. Und dann gibt es wiederum Situationen, in denen ein Kind völlig vertieft ist. Es ist im Flow. Dann kann die beste pädagogische Entscheidung sein, sich zurückzunehmen und das Kind nicht zu unterbrechen. Gute Freispielbegleitung braucht deshalb eine sensible Balance zwischen Nähe und Distanz, Anregung und Zurückhaltung.

Freies Spiel ist soziales Lernen in Reinform

Wo könnten Kinder besser lernen, miteinander auszukommen, als im gemeinsamen Spiel? In unseren Kita-Gruppen kommen Kinder mit unterschiedlichen Interessen, Temperamenten, Altersstufen und Entwicklungsständen zusammen. Genau diese Heterogenität macht das freie Spiel zu einem wertvollen sozialen Lernort. Denn plötzlich muss ausgehandelt werden:
  • Wer darf mitspielen?
  • Wer bekommt welches Material?
  • Was wollen wir überhaupt gemeinsam bauen?
  • Wer ist zuerst dran?
Kinder müssen warten, teilen, sich zurücknehmen und Absprachen treffen. Sie geben anderen Hilfe und müssen gleichzeitig lernen, Hilfe anzunehmen. Manchmal brauchen sie Verbündete: „Hilfst du mir, das zu bauen?“ Und manchmal müssen drei völlig unterschiedliche Vorstellungen miteinander vereinbart werden. Das ist anspruchsvoll! Doch genau dadurch erwerben Kinder Kompetenzen, die wir ihnen nicht einfach erklären können. Sie müssen sie erleben und erproben.

Auch Sprache entsteht mitten im Spiel

Freies Spiel ist gleichzeitig ein wunderbarer Raum für Sprachentwicklung. Schon bei der Auswahl eines Materials beginnt ein innerer Prozess. Ein Kind überlegt vielleicht:
  • Was möchte ich spielen?
  • Wo möchte ich hin?
  • Was brauche ich dafür?
Dann nimmt es Kontakt zu einem anderen Kind auf. Es fragt, kommentiert, erklärt oder verhandelt. Und hier kann auch die pädagogische Fachkraft Sprachentwicklung wunderbar unterstützen, ohne aus dem Spiel eine Sprachfördereinheit zu machen. Wenn sie beispielsweise mitspielt, kann sie ihr eigenes Handeln sprachlich begleiten: „Ich nehme jetzt das rote Auto. Das fährt ganz langsam den Berg hinauf. Oh – jetzt rollt es wieder herunter!“ Das Kind hört Sprache in einem sinnvollen Zusammenhang. Es sieht gleichzeitig die Handlung und kann Wörter und Bedeutungen miteinander verbinden. Vielleicht übernimmt es anschließend selbst das Auto, führt die Handlung weiter und erzählt dabei eine kleine Geschichte. Sprache entsteht so aus Beziehung, Handlung und gemeinsamer Aufmerksamkeit. Und selbst Kinder, die alleine spielen, sprechen häufig mit sich selbst und begleiten ihre Handlungen sprachlich. Deshalb kann praktisch jedes freie Spiel zum Sprachanlass werden.

Bewegung ist ebenfalls Bildung

Ein weiterer Aspekt wird im Kita-Alltag manchmal unterschätzt: Kinder lernen mit ihrem gesamten Körper. Wenn sie klettern, balancieren, kriechen, springen oder sich durch einen Raum bewegen, sammeln sie wichtige Körper- und Raumerfahrungen:
  • Wo ist oben und unten?
  • Was bedeutet vor und hinter mir?
  • Wie weit muss ich meinen Arm ausstrecken?
  • Wie halte ich mein Gleichgewicht?
Solche Erfahrungen bilden Grundlagen, die Kinder später auch für abstrakte Lernprozesse benötigen. Ein schönes Beispiel ist die Mathematik. Wenn Kinder hintereinanderlaufen und sich an den Schultern festhalten, erleben sie körperlich: Vor mir ist jemand. Hinter mir ist jemand. Ich selbst bin Teil einer Reihe. Später begegnet ihnen ein ähnliches Prinzip abstrakt in der Mathematik: Was ist der Vorgänger von fünf? Was ist der Nachfolger von sieben? Bevor Kinder solche Zusammenhänge ausschließlich auf einer gedanklichen Ebene verstehen können, brauchen sie vielfältige konkrete Erfahrungen. Der Körper ist deshalb ein wichtiger Helfer des Lernens.

„Vorsicht!“ – oder doch lieber: „Ich traue dir das zu“?

Freies Spiel bedeutet auch, Kindern etwas zuzutrauen. Natürlich haben Erwachsene die Aufgabe, Kinder vor ernsthaften Gefahren zu schützen. Aber Entwicklung braucht ebenso Herausforderungen und altersangemessene Risiken. Ein Kind, das balanciert, klettert oder einen neuen Bewegungsablauf ausprobiert, lernt seinen Körper kennen. Es entwickelt Strategien, um das Gleichgewicht zu halten, sich festzuhalten oder nach einem Stolpern wieder in Balance zu kommen. Wenn Erwachsene ständig rufen:
  • „Vorsicht!“
  • „Pass auf!“
  • „Nicht so hoch!“
kann beim Kind vor allem eine Botschaft ankommen: Offenbar traut mir der Erwachsene das nicht zu. Hilfreicher kann eine ermutigende Begleitung sein: „Du machst das gut. Halt dich gut fest.“ Damit vermitteln wir etwas völlig anderes: Ich sehe dich. Ich bin da. Und ich traue dir zu, dass du diese Herausforderung bewältigen kannst. Kinder brauchen Räume, in denen sie solche Erfahrungen sammeln dürfen. Denn Strategien für den Umgang mit Herausforderungen entstehen nicht durch Erklärungen, sondern durch eigenes Tun.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Spielräume schaffen wir?

Wenn wir Freispiel als Bildungszeit verstehen, verändert sich auch der Blick auf unsere Räume und Materialien. Ein guter Spielraum muss nicht mit möglichst vielen Dingen gefüllt sein. Viel wichtiger ist die Frage: Fordert das Material Kinder dazu heraus, selbst etwas daraus zu machen?
  • Gibt es Materialien zum Bauen, Konstruieren und Verändern?
  • Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?
  • Können Kinder Rollenspiele entwickeln?
  • Gibt es Möglichkeiten für Bewegung?
  • Kommen Kinder miteinander ins Gespräch?
  • Und haben sie vor allem genügend Zeit, damit aus einer ersten Idee überhaupt ein intensiver Spielprozess entstehen kann?
Denn auch das gehört zu guter pädagogischer Qualität: Wir müssen nicht ständig neue Beschäftigungen für Kinder erfinden. Manchmal besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, gute Bedingungen zu schaffen und dann auszuhalten, dass die Kinder selbst übernehmen.
Selber tun macht schlau
Vielleicht lässt sich die Bedeutung des freien Spiels mit einem einfachen Satz zusammenfassen: Selber tun macht schlau. Kinder müssen die Welt selbst erfahren. Kein Erwachsener kann einem Kind erklären, wie es sich anfühlt, über einen Baumstamm zu balancieren. Es muss selbst erleben, wie es sein Gewicht verlagert, wann es ins Schwanken gerät und was es tun kann, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Genau daraus entsteht Erfahrungswissen. Und dieses Erfahrungswissen können Kinder später auf neue Situationen übertragen. Deshalb sollten wir das freie Spiel nicht als Lücke zwischen den „eigentlichen Bildungsangeboten“ betrachten. Das freie Spiel ist Bildungszeit. Hier entstehen Sprache, Kreativität, Bewegung, soziale Kompetenz, Problemlösefähigkeit, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit – häufig gleichzeitig und ganz ohne vorgegebenes Arbeitsblatt oder Lernziel. Vielleicht sollten wir uns deshalb im Kita-Alltag häufiger fragen: Braucht dieses Kind gerade wirklich ein weiteres Angebot – oder braucht es einfach Zeit, Raum und unser Vertrauen, um selbst tätig zu werden? Denn Bildung beginnt nicht erst dort, wo Erwachsene Kindern etwas zeigen. Sehr häufig beginnt sie genau dort, wo wir ihnen zutrauen, es selbst herauszufinden.

 

Videotipp: Freies Spiel als Bildungszeit

Zu diesem Thema gibt es auf meinem Bildungskanal bei YouTube auch ein Video. Darin greife ich die wichtigsten Aspekte des freien Spiels noch einmal anschaulich auf und gebe Impulse für die pädagogische Praxis.

Hier geht es direkt zum Video auf YouTube

Bildnachweis: Das Foto zu diesem Beitrag wurde freundlicherweise von Community Playthings zur Verfügung gestellt.

Ursula Günster Schöning ist Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin, Senior-Coachin QRC und pädagogische Koordinatorin. Als Sozialfachwirtin, Erzieherin und Führungskraft war sie in der Elementarpädagogik tätig. 2006 gründete sie das Fortbildungsinstitut ERFOR und begleitet seitdem Teams bei Veränderungsprozessen. Zudem arbeitet sie als Weiterbildnerin, Speakerin, Moderatorin und Autorin.

Webseite: www.ursula-schoening.de | Mail: info@ursula-schoening.de

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