Natur-Spiel(T)räume – warum Kinder draußen die Welt fürs Leben entdecken

Die Sonne auf der Haut spüren. Einer Ameise folgen, die scheinbar zielstrebig durchs Gras marschiert. Das Rascheln der Blätter hören. Mit den Händen in feuchter Erde graben oder voller Begeisterung einen Regenwurm unter einem Stein entdecken. Für uns Erwachsene sind es manchmal nur Kleinigkeiten. Für Kinder können sie eine ganze Welt bedeuten. Kinder fühlen sich von Natur aus zur Natur hingezogen. Draußen wird ihre Umgebung zu einem Erlebnisraum für alle Sinne – und zu einem der vielfältigsten Bildungsräume überhaupt. Die Kindheit ist eine kostbare Zeit. In diesen frühen Jahren lernen Kinder vor allem durch eigenes Tun, durch Bewegung, Spiel und die unmittelbare Begegnung mit ihrer Umwelt. Und genau dafür bietet die Natur nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten. Ein Ast wird zum Zauberstab, eine Pfütze lädt zum Sprung hinein ein, ein umgestürzter Baum zum Balanceakt und die Entdeckung eines Marienkäfers vielleicht zum Beginn eines ganzen Forschungsprojektes. Natur schafft Spielräume – und Spielträume.

Kinder brauchen Erfahrungen aus erster Hand

Kinder erschließen sich die Welt nicht allein über Erklärungen. Sie müssen sie anfassen, riechen, hören, betrachten und mit ihrem ganzen Körper erfahren. Kein Buch und kein Bildschirm können ersetzen, was ein Kind erlebt, wenn es selbst über einen Baumstamm balanciert, einen schweren Stein anhebt, mit den Händen im Matsch gräbt oder beobachtet, wie sich eine Schnecke langsam über den Weg bewegt. Beim Klettern, Graben, Sammeln, Bauen und Beobachten erwerben Kinder nicht nur Wissen über ihre Umwelt. Sie entwickeln gleichzeitig Kreativität, Ausdauer, Problemlösefähigkeiten und Selbstvertrauen. Sie erfahren: Ich kann etwas ausprobieren. Ich kann eine Lösung finden. Ich kann etwas bewirken. Genau darin liegt eine wesentliche Grundlage von Selbstwirksamkeit. Gerade in einer Zeit, in der der Alltag vieler Kinder zunehmend organisiert, terminiert und strukturiert ist, bietet die Natur einen wichtigen Gegenpol. Sie gibt nicht vor, was als Nächstes geschehen muss. Sie stellt keine fertige Aufgabe und erwartet kein bestimmtes Ergebnis. Sie lädt ein. Zum Entdecken. Zum Bewegen. Zum Staunen. Zum Spielen.

Natur tut Kindern gut

Kinder bewegen sich draußen häufig intensiver, vielfältiger und ausdauernder als in geschlossenen Räumen. Sie laufen, springen, klettern, balancieren, tragen, ziehen, schieben und graben. Dabei begegnen ihnen ständig neue Herausforderungen. Der Waldboden ist nicht eben. Ein Baumstamm wackelt. Der Stein ist schwerer als gedacht. Nach dem Regen ist der Untergrund plötzlich rutschig. Das Kind muss seinen Körper immer wieder neu an die Situation anpassen. Dadurch entstehen wertvolle Körper-, Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen. Gleichzeitig erleben Kinder Sonne und Schatten, Wärme und Kälte, Wind und Regen und den Wechsel der Jahreszeiten. Natur ist niemals jeden Tag gleich. Regelmäßige Natur- und Bewegungserfahrungen können das körperliche und emotionale Wohlbefinden von Kindern unterstützen. Sie ermöglichen Bewegung, können zum Stressabbau beitragen und schaffen Räume für Rückzug, Konzentration und innere Ruhe (vgl. Zimmer, 2020; Renz-Polster & Hüther, 2013). Natur ist deshalb nicht nur Bewegungsraum. Sie kann auch Ruhe- und Regulationsraum sein.

Lernen beginnt mit Staunen

Wann haben Sie zuletzt gemeinsam mit einem Kind eine Ameisenstraße beobachtet? Nicht für zehn Sekunden – sondern wirklich beobachtet?
  • Wo laufen die Ameisen hin?
  • Warum laufen sie hintereinander?
  • Was tragen sie da?
  • Wo wohnen sie eigentlich?
Plötzlich entstehen aus einer einzigen Beobachtung unzählige Fragen. Genau hier beginnt Bildung. Eine Feder im Gras, eine Pfütze nach einem Regenschauer, eine Raupe auf einem Blatt oder ein Pilz am Wegesrand können Ausgangspunkt intensiver Sprach- und Lernprozesse sein. Kinder beobachten, vergleichen, stellen Vermutungen auf und entwickeln eigene Erklärungen. Renate Zimmer beschreibt die Natur als einen Erfahrungsraum, in dem Bewegung, Wahrnehmung und Lernen auf besondere Weise miteinander verbunden sind (vgl. Zimmer, 2020). Ob Wald, Garten, Außengelände, Wiese oder Strand: Überall finden Kinder Gelegenheiten, hinzuschauen, anzufassen, auszuprobieren und ihren eigenen Fragen nachzugehen. Und genau deshalb müssen wir Erwachsenen nicht auf jede Frage sofort eine Antwort geben. Manchmal ist die bessere pädagogische Antwort: „Das ist eine spannende Frage. Was glaubst du denn?“ Oder: „Wie könnten wir das herausfinden?“ Denn Bildung entsteht nicht nur dadurch, dass Kinder Antworten bekommen. Bildung entsteht vor allem dadurch, dass sie lernen, eigene Fragen zu stellen und Wege zu finden, Antworten zu entdecken.

Ein Ast bleibt eben nicht nur ein Ast

Einer der größten Schätze der Natur besteht darin, dass ihre Materialien keinen vorgegebenen Spielzweck haben. Ein Spielzeugauto ist zunächst einmal ein Auto. Aber ein Ast?
  • Der kann alles sein! Heute ist er ein Zauberstab. Morgen ein Kochlöffel. Danach ein Schwert, eine Angel, ein Mast für ein Segelboot oder ein Bauteil für eine große Waldhütte.
  • Ein Stein kann getragen, gestapelt, versteckt, verbuddelt und wiedergefunden werden.
  • Ein Tannenzapfen wird zum Geburtstagstörtchen, zur Rakete oder zum wertvollen Schatz.
Die Natur liefert Material – das Kind liefert die Idee. Und genau darin liegt ihr enormes kreatives Potenzial. Naturmaterialien haben selten nur eine einzige Funktion. Sie fordern Kinder deshalb dazu auf, selbst Ideen zu entwickeln.
  • Was könnte daraus werden?
  • Wie kann ich es verwenden?
  • Funktioniert meine Idee?
  • Was brauche ich noch?
Kreativität und Problemlösen gehen dabei Hand in Hand.

Gemeinsam draußen – ein sozialer Lernraum

Naturerfahrungen sind gleichzeitig soziale Erfahrungen. Eine Hütte lässt sich gemeinsam vielleicht besser bauen als allein. Ein schwerer Ast braucht mehrere Hände. Beim Klettern kann ein anderes Kind zeigen, wo man den Fuß am besten aufsetzt. Kinder entwickeln gemeinsame Ideen, verteilen Aufgaben, verhandeln Regeln und lösen Konflikte:
  • „Ich halte hier fest!“
  • „Du musst den Ast da hinlegen!“
  • „Nein, das soll unsere Tür werden!“
Was zunächst nach einfachem Spiel aussieht, verlangt Kindern eine ganze Menge ab. Sie müssen zuhören, argumentieren, Kompromisse eingehen, Hilfe anbieten und Hilfe annehmen. So werden Natur-Spielräume gleichzeitig zu sozialen Bildungsräumen.

Ein bisschen Risiko gehört dazu

Natur lässt sich nicht vollständig kontrollieren – und genau das macht einen Teil ihres Bildungswertes aus. Ein Baumstamm ist vielleicht rutschig. Ein Hang steiler als erwartet. Ein Ast wackelt. Ein großer Stein lässt sich nicht so einfach bewegen. Kinder lernen dadurch, Risiken wahrzunehmen und ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen:
  • Traue ich mir das zu?
  • Wo kann ich mich festhalten?
  • Brauche ich Hilfe?
  • Sollte ich einen anderen Weg ausprobieren?
Unsere Aufgabe als pädagogische Fachkräfte besteht nicht darin, jedes überschaubare Risiko aus dem Weg zu räumen. Wir müssen selbstverständlich vor ernsthaften Gefahren schützen – gleichzeitig brauchen Kinder aber Herausforderungen, an denen sie wachsen können. Wer nie balancieren darf, kann Balancieren nicht lernen. Wer nie ausprobieren darf, lernt schwer einzuschätzen, was er sich selbst zutrauen kann. Natur bietet dafür wunderbare Erfahrungsräume.

Die Rolle der pädagogischen Fachkraft: entdecken lassen statt vorgeben

Auch in der Natur gilt: Gute pädagogische Begleitung bedeutet nicht, ständig Angebote zu machen. Manchmal besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, genau hinzuschauen. Was interessiert die Kinder gerade? Vielleicht haben wir einen ausgearbeiteten Plan für ein Naturangebot vorbereitet – und dann entdecken die Kinder auf dem Weg eine Schnecke. Was ist jetzt wichtiger? Unser Plan? Oder die Begeisterung der Kinder? Eine wahrnehmende und responsive Pädagogik nimmt solche Situationen ernst. Die Fachkraft greift das Interesse der Kinder auf, stellt Fragen, gibt Impulse, stellt Materialien zur Verfügung oder recherchiert später gemeinsam mit ihnen weiter.
  • Aus der Schnecke kann so ein Projekt entstehen.
  • Aus einer Pfütze eine Forschungsfrage.
  • Aus heruntergefallenen Blättern eine Sortieridee.
  • Und aus einem Spaziergang vielleicht ein Bildungsprozess, den am Morgen niemand geplant hatte.

Kinder schützen, was sie kennen – und lieben, was sie erleben dürfen

Naturbildung bedeutet jedoch noch mehr. Wenn wir möchten, dass Kinder später Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen, müssen sie zunächst eine Beziehung zu ihr entwickeln können. Kinder schützen nur, was sie kennen. Und sie schätzen nur, was sie lieben gelernt haben. Ein Kind, das Regenwürmer beobachtet, Blumen pflanzt, Tiere entdeckt, ein Beet pflegt oder den Wechsel der Jahreszeiten bewusst erlebt, entwickelt nach und nach ein Verständnis dafür, dass Natur lebendig und wertvoll ist. Nachhaltigkeit beginnt deshalb nicht mit komplizierten Erklärungen über Klimaschutz. Sie beginnt im Alltag.
  • Wir lassen keinen Müll auf der Wiese liegen.
  • Wir gehen vorsichtig mit einem gefundenen Tier um.
  • Wir pflegen gemeinsam unser Hochbeet.
  • Wir beobachten eine Spinne, statt sie sofort zu beseitigen.
  • Wir reparieren etwas, statt es gleich wegzuwerfen.
Kinder erleben dadurch: Mein Handeln macht einen Unterschied. Und genau darin liegt eine wichtige Grundlage für verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Denken.

Natur-Spiel(T)räume brauchen keine perfekten Wälder

Naturpädagogik bedeutet übrigens nicht, dass jede Kita direkt an einem Wald liegen muss. Auch ein naturnah gestaltetes Außengelände kann Kindern vielfältige Erfahrungen ermöglichen. Eine kleine wilde Ecke, ein Hochbeet, unterschiedliche Bodenmaterialien, Baumstämme, Steine, Sand, Wasser, Äste, Pflanzen oder eine Stelle, an der Kinder graben dürfen, können bereits wertvolle Natur-Spielräume schaffen. Entscheidend ist weniger, wie perfekt die Natur aussieht, sondern was Kinder dort selbst tun dürfen.
  • Dürfen sie anfassen?
  • Dürfen sie sammeln?
  • Dürfen sie graben?
  • Dürfen sie matschen?
  • Dürfen sie bauen?
  • Dürfen sie beobachten?
  • Dürfen sie eigene Ideen verfolgen?
  • Und haben sie genügend Zeit dafür?
Natur ist kein Zusatzangebot
Naturerfahrungen sind weit mehr als ein schöner Waldtag einmal im Monat oder ein zusätzliches Projekt im Kita-Jahresplan. Sie gehören zu einer ganzheitlichen frühkindlichen Bildung. Denn draußen begegnen sich Bewegung, Wahrnehmung, Sprache, Kreativität, naturwissenschaftliches Denken, soziale Erfahrungen, Risikokompetenz und Selbstwirksamkeit auf ganz natürliche Weise. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, was wir Kindern draußen anbieten können, und häufiger darüber, welche Erfahrungen wir ihnen ermöglichen können. Denn manchmal braucht es für einen intensiven Bildungsprozess erstaunlich wenig:
  • einen Stock,
  • eine Pfütze,
  • einen Käfer,
  • ein bisschen Zeit – und ein Kind, das staunen darf.
Schaffen wir Kindern deshalb Natur-Spiel(T)räume. Räume zum Spielen, Träumen, Forschen, Fragenstellen und Selbermachen. Denn wer die Welt mit allen Sinnen erleben darf, beginnt nicht nur, sie zu verstehen – sondern vielleicht auch, sie zu lieben und später Verantwortung für sie zu übernehmen.  

Literatur

Zimmer, R. (2020): Handbuch Bewegungserziehung. Herder. Renz-Polster, H. & Hüther, G. (2013): Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Beltz.

Heft: „Wachsende Räume“

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Ursula Günster Schöning ist Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin, Senior-Coachin QRC und pädagogische Koordinatorin. Als Sozialfachwirtin, Erzieherin und Führungskraft war sie in der Elementarpädagogik tätig. 2006 gründete sie das Fortbildungsinstitut ERFOR und begleitet seitdem Teams bei Veränderungsprozessen. Zudem arbeitet sie als Weiterbildnerin, Speakerin, Moderatorin und Autorin.

Webseite: www.ursula-schoening.de | Mail: info@ursula-schoening.de

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